Jo Baer
Diskurse der Abstraktion und des Raums: Die minimalistische Praxis von Jo Baer
Die US-amerikanische Künstlerin Jo Baer (1929–2025) nimmt eine singuläre und historisch kritische Position innerhalb der Geschichte der Minimal Art ein. Während die Strömung der 1960er- und 1970er-Handlungsfelder des Minimalismus maßgeblich durch dreidimensionale, bildhauerische Objekte dominiert wurde – vertreten durch Künstler wie Donald Judd oder Robert Morris –, hielt Baer konsequent am Medium der Malerei fest. Diese Entscheidung verteidigte sie in der kunsthistorischen Debatte, unter anderem in einem theoretischen Diskurs im Magazin Artforum (1967), in dem sie die Malerei gegen den Vorwurf der reinen Illusion verteidigte und als eigenständiges, physisch-räumliches Phänomen begründete.
Baers minimalistische Periode zeichnet sich durch eine extreme formale Reduktion aus, die den Objektcharakter der bemalten Leinwand betont. Charakteristisch für ihr Œuvre dieser Epoche sind großformatige, meist weiße oder monochrome Bildflächen, die an den äußeren Rändern von präzisen, schmalen Farbbändern und dunklen Konturen gerahmt werden. Diese kompromisslose Struktur lenkt die visuelle Aufmerksamkeit weg von einem zentrierten Bildinhalt hin zu den Peripherien des Bildträgers und der physischen Kante des Keilrahmens. Die Malerei wird dadurch nicht mehr als Fenster zu einer illusionistischen Welt begriffen, sondern als ein konkretes Objekt, das in eine direkte, wechselseitige Beziehung mit der umgebenden Architektur und dem einfallenden Licht tritt.
Im Rahmen der Erforschung und Vermittlung dieser radikalen Kunstpraxis kommt der musealen Aufbereitung im deutschen Kontext eine wesentliche Bedeutung zu. Als erste deutsche Institution widmete das Museum Ludwig in Köln der Künstlerin im Jahr 2013 eine umfassende Einzelausstellung. Die Werkschau konzentrierte sich primär auf ihre minimalistische Phase zwischen 1960 und 1975, schlug jedoch gleichzeitig den Bogen zu ihrem späteren, figurativ-mythologischen Spätwerk.
Diese wegweisende Ausstellung wurde vom IKS filmisch und fotografisch begleitet. Der Filmemacher und Kurator Ralph Goertz dokumentierte den Aufbau der Schau und realisierte in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin und der Kuratorin Julia Friedrich ein tiefgehendes filmisches Porträt sowie eine Dokumentation, die Baers kunsttheoretische Überlegungen und ihre Arbeitsweise nachhaltig für die kunsthistorische Forschung konserviert. Der so entstandene Dokumentarfilm veranschaulicht, wie Baers reduktionistische Gemälde im realen Raum operieren, und leistet einen zentralen Beitrag zur Archivierung einer der prägendsten, obschon in der institutionalisierten Geschichtsschreibung lange Zeit marginalisierten, Positionen der Nachkriegsabstraktion.
Eine längere Fassung des Films von Ralph Goertz, der die Künstlerin auch in ihrem Studio in Amsterdam besuchte, soll 2027 erscheinen.







Fotos: Ralph Goertz © IKS-Medienarchiv

